Neues Land-Neues Leben

 

Neues Land – neues Leben


Wie und was die Schüler in dem besonderen Unterricht lernen

„‘Tschuldigung, Frau Flaspöhler“, nuscheln drei Schüler und schieben sich in das Klassenzimmer. „Wofür?“, möchte die Lehrerin wissen. „Zu spät.“ „Nein. Weil wir zu spät sind“, korrigiert Kira Flaspöhler ihre Schützlinge.

Still setzen sich die drei Schüler auf ihre Plätze. Der ehemalige Raum des offenen Ganztages, der vor einem Jahr noch mit willkürlich aufgestellten Sofas und Regalen einem Wohnzimmer glich, ist mittlerweile ein klassischer Unterrichtsraum geworden. 16 Tische sind übersichtlich im Raum verteilt – mal in Zweier-Kombination und mal einzeln. Auf jedem Tisch steht eine Box, in der Hefte und Blätter liegen.



Seit einem Jahr betreut Kira Flaspöhler die Auffangklasse für zugewanderte Schüler am Vestischen Gymnasium Kirchhellen. Internationale Förderklasse heißt sie – oder kurz IFK. Flapspöhler hat ihre letzte Stufe des Referendariats am VGK absolviert und kümmert sich nun hauptsächlich um die IFK. In der elften Klasse unterrichtet sie Deutsch. Aber auch andere Lehrer betreuen die IFK.

Nächste Woche geht es ins Theater. „Gebt mir bitte die 3 Euro Eintritt dafür“, erinnert Flaspöhler. „Hab ich vergessen. Bring ich aber morgen mit“, heißt es von mehreren Tischen. Ein typischer Schulalltag. Nach einer kurzen Erinnerung, das Geld am nächsten Tag mitzubringen, macht Kira Flaspöhler mit einer Sprachübung weiter. „Die Kinder sprechen am Wochenende wenig Deutsch. Daher machen wir am Montagmorgen etwas Lockeres, um wieder reinzukommen“, erklärt die 27-Jährige.

Die Schüler sollen sich untereinander zu den Themen „Tiere, Hobbys und Familie“ befragen. Immer mit der Begrüßung „Hallo, wie geht es dir?“ Links sitzt Rawah. Das Mädchen aus Syrien ist zwölf Jahre alt, hat noch nie eine Schule besucht und ist Analphabetin. Neben der deutschen Sprache lernt sie auch Lesen und Schreiben. Auch Mathematik, Schwimmen oder andere Dinge aus dem normalen Schulalltag übt sie noch.



Neben ihr sitzt der elfjährige Muhamet aus Albanien, der bereits ein Jahr lang eine deutsche Grundschule besucht hat. Deswegen gehen ihm die Aufgaben leichter von der Hand als Rawah. Durch viele Freunde in seinem Alter konnte sich Muhamet schnell einleben, obwohl auch er in Albanien keine Schule besuchte. „Meine Zeit an der Grundschule hilft mir hierbei. Ich leiste auch noch viel Erziehung. Wir haben zum Beispiel schon oft besprochen, wie man richtig streitet“, sagt Kira Flapspöhler.

Jeder darf auch dem Reporter eine Frage stellen, um ihn kennenzulernen. „Wie groß ist deine Familie?“, fragt Hussein. Alle schauen erwartungsvoll. Wie groß mag seine Familie wohl sein? Die ist bestimmt riesig‘, scheinen sie zu denken. „Vier sind wir“, lautet die Antwort und alle Gesichter bekommen einen enttäuschten Ausdruck. Aber es wird trotzdem interessiert weiter gefragt. Wie viele Geschwister der Reporter hat, wollen sie wissen. „Einen Bruder.“ Die Schüler sind enttäuscht. „Und gar keine Schwester?“, möchte Rawah wissen und startet einen letzten Versuch, diese Familienkonstellation zu verstehen. Bei der nächsten Rubrik „Heimat“ sind alle verwirrt. Was bedeutet Heimat? Es zeigt sich, dass alle aus verschiedenen Ländern kommen. Afghanistan, Irak, Syrien, Albanien, Griechenland nur eins haben sie gemeinsam – sie kamen alle über das Meer.

Es schellt zur Pause und die Kinder verlassen den Raum. Zeit, um unter vier Augen mit der Lehrerin zu sprechen. „Es gibt unterschiedliche Ansichten zur Flüchtlingspolitik. Aber wenn man hier in diesem Raum ist, möchte man den Kindern einfach nur helfen“, fasst Kira Flaspöhler ihre Meinung zusammen.

Nach der Pause fehlen Renas, Firas, Rawah und Siham. Sie gehen jetzt in den Unterricht mit den anderen Schülern ihres Alters. „In Fächern wie Sport oder Freiarbeit versuchen wir die Kinder von Geflüchteten in die Regelklassen zu integrieren. In diesen Fächern ist die Sprache weniger relevant“, so Kira Flaspöhler. Dafür stößt jedoch Shelan, 15 Jahre alt und aus Syrien, dazu. Ganz hinten setzt sie sich hin, arbeitet für sich. „Sie nimmt bereits nahezu vollständig am Regelunterricht teil, beherrscht mehrere Sprachen, hat den Französisch-Wettbewerb der Schule gewonnen und schreibt Einsen in Deutsch“, sagt Kira Flaspöhler stolz.

In der zweiten Stunde steht Freiarbeit auf dem Plan. Für diese Unterrichtsform hat jeder Schüler eigene Materialien in der Box auf dem Tisch. Die kleinen Hefte mit den Aufschriften „Lesen und Schreiben“ rausgeholt, geht es auch schon los. Jeder darf eigenständig in seinem Tempo arbeiten. Der Reporter setzt sich dazu und versucht, zu helfen. Die Schülerin Foruzan erfährt, was ein Regenbogen ist. Die anderen Kinder sind auch neugierig, zeigen keinerlei Berührungsängste und machen mit. Es ist schön, wenn die Kommunikation klappt. Alle Kinder strahlen eine große Herzlichkeit und Dankbarkeit aus. Es lohnt sich, hier zu helfen.
Sebastian Lettau?


Text: Frederike Schneider in der Dorstener Zeitung am 15.4.17 erschienen 

Fotos: Sebastian Lettau 

 


 

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