Qualitätsentwicklung und -sicherung              

Notwendigkeit der Überprüfung schulischer Vorgänge

Bildung ist eine öffentliche Angelegenheit. In einer demokratischen Gesellschaft bedeutet dies, dass sich die Bildungspolitik und die Bildungseinrichtungen einer Überprüfung ihres Handelns und ihres Leistungsvermögens stellen müssen. Der Staat, die Gesellschaft und auch die einzelnen Beteiligten (Lehrerinnen und Lehrer, Schülerinnen und Schüler, Erziehungsberechtigte und erweitertes Personal), deren Zufriedenheit ein wesentliches Ziel der Qualitätsanalyse ist, erwarten hier zu Recht Offenheit. Die Diskussion über die Einführung evaluativer Verfahren im Bildungsbereich muss deshalb geführt werden.

So wie zunehmend in allen wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Bereichen Evaluation und Qualitätskontrolle stattfinden, muss sich auch das Schulwesen dem öffnen und deren qualifizierte Weiterentwicklung vorantreiben. Eine regelmäßige Überprüfung des Wirkungsgrades von Schule und Unterricht ist politisch und auch pädagogisch geboten; sie hilft, Qualität zu sichern und auf der Basis verlässlicher Daten diese auch weiter zu erhöhen.

Zudem gebieten die Grundsätze der Einheitlichkeit der Lebensverhältnisse und der Gleichheit vor dem Gesetz eine transparente schulische Qualitätskontrolle und eine vergleichbare Definition von Bildungsstandards. Die gleiche Behandlung vor dem Gesetz (vgl. Grundgesetz Artikel 2) ist aber eingeschränkt, wenn uneinheitliche Anforderungen zu nicht vergleichbaren Abschlussnoten führen.

 

Messbarkeit schulischer Lern- und Erziehungsprozesse

Verlässliche Kriterien für eine umfassende und allgemein gültige schulische Qualitätskontrolle gibt es nicht. Nicht alle Bildungsvorgänge sind "operationalisierbar", das heißt, schulisches Geschehen kann nur unter erheblichen Abstrichen an einem umfassenden Bildungsauftrag so definiert werden, dass es messbar ist. Viel Schulisches, das im Dienste der Persönlichkeitsbildung steht, ist nicht überprüfbar. Wegen des Messens bzw. des Nicht-Messen-Könnens auf solche Prozesse zu verzichten, liefe jedoch auf eine drastische Verarmung der Bildung hinaus. Was Heranwachsende in der Schule innerhalb und außerhalb des Unterrichts implizit mitlernen, etwa im sozialen Bereich, und was sie an kultureller Prägung erfahren, macht einen zentralen Bereich der Persönlichkeitsbildung aus, der schwieriger, aber nicht unmöglich zu bewerten ist. So ist die Charakterisierung des Arbeits- und Sozialverhaltens durch verbale Bewertung und standardisierte Bewertungsbögen durchaus umsetzbar.

Zudem gilt es grundsätzlich zu bedenken, dass eine Evaluation nur eine begrenzt objektive Aussagefähigkeit hat, da jede Befragung oder Datenerhebung Zufälligkeiten und Subjektivitäten (Wertungskategorien, persönliche Erwartungen) enthält und eine Momentaufnahme darstellt. Auch besteht das Problem der Zielgenauigkeit: Die Datenerhebung kann nur aussagefähig sein, wenn die Zielbestimmung, die Indikatoren, die Erhebungsmethode und die Auswertungsschlüssel aufeinander abgestimmt sind. Das bedeutet, dass zuverlässige Evaluationen professionell unterstützt und betreut werden müssen.

 

Fachliche Leistung als Kriterium

Das wesentliche Kriterium für die Qualität von Schule ist der Unterricht. Was diesem dient, ist zu entwickeln und zu stärken. Die Qualität des Unterrichts ist daran zu bemessen, wie viel Kinder und Jugendliche nachweislich lernen. Der Unterricht muss dabei so gestaltet sein, dass er problemorientiert einen Lernzuwachs durch die Unterstützung eines aktiven Lernprozesses mittels unterschiedlicher Sozialformen, schülernaher Medien und Arbeitsmittel sowie in angenehmer Lernatmosphäre garantiert. Individuelle FörderungBeratung sowie über den Unterricht hinausgehende Betreuung sollen ferner unterstützend wirken.

Das Schulwesen hat somit die Aufgabe,

  •   konkrete Fertigkeiten und konkretes Wissen zu vermitteln sowie
  •   den Erfolg dieses Bemühens zu untersuchen.

Das setzt Verbindlichkeit in den Bildungszielen und in den zentralen Bildungsinhalten voraus. Der Verzicht auf fachliche Kompetenz und damit auf konkrete Inhalte zu Gunsten der Förderung von personalen Kompetenzen (Selbstvertrauen, Selbstständigkeit, Verantwortungsbereitschaft, soziales Engagement, Toleranz, Konfliktfähigkeit) und Schlüsselqualifikationen (Leistungsbereitschaft, Konzepte für Lernstrategien, Teamarbeit, Kommunikationskompetenz) ist ein Irrweg, denn die sog. extrafunktionalen Qualifikationen sind nur auf der Basis konkreter Fächer und konkreter Curricula, in denen die inhaltlichen Schwerpunkte samt ihrer Standards und Kompetenzen festgelegt sind, vermittelbar.

Je konkreter und verbindlicher die Inhalte, desto exakter messbar sind die Lernabläufe und die Lernerfolge. Der Überprüfung der objektivierbaren Fachleistung durch ein Leistungskonzept für jedes Unterrichtsfach, in dem Leistungsanforderungen und –bewertung festgeschrieben sind, kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Diese Überprüfung hat einen hohen Wert im Sinne der Rückmeldung, der Mahnung bzw. der Ermutigung für die einzelnen Lernenden. Zugleich liefert sie im Sinne interner Evaluation den Lehrenden Resultate ihrer unterrichtlichen Bemühungen.

 

Große Aussagekraft im Sinne einer Standortbestimmung einer Schule, einer Klasse oder eines Kurses hat darüber hinaus das Ergebnis einer zentralen Prüfung. Deshalb überprüft das Vestische Gymnasium konsequent seine Ergebnisse in den Lernstanderhebungen (LSE 8) sowie in den zentralen Prüfungen (LP 10, Zentralabitur) im Vergleich zu landesweiten Referenzwerten (Externe Evaluation). Ferner dienen die verbindlichen Lehrpläne (mit Pflicht- und Wahlmodulen), professioneller Fachunterricht und zentrale Klassenarbeiten der Sicherung von Unterrichtsstandards.

 

Mitwirkung aller Beteiligten

Evaluationen (schulintern durch „SEIS – Selbstevaluation in Schule“[1] und „Schule atmosfairisch“[2]) haben eine dienende Funktion für bestimmte Ziele und damit verbundenen zukünftigen Aufgaben für Schulen. Sie dienen in erster Linie dem Ziel der Analyse und der Verbesserung der Unterrichtsqualität. Evaluation muss deshalb als ein Instrument der Qualitätssicherung verstanden werden und stellt damit einen wesentlichen Baustein von Schulentwicklung dar. Evaluation ist also permanente Aufgabe einer jeden Einzelschule. Das heißt: Jede Lehrkraft, jede Fachschaft, jedes Lehrerkollegium und jede Schulleitung sind aufgefordert, die Wirksamkeit und den Erfolg des eigenen Handelns kontinuierlich zu reflektieren und durch Weiterentwicklung der beruflichen Kompetenzen sowie Kooperation zu verbessern. Die Schulleitung hat dabei die Aufgabe, zur Evaluation anzuregen, vorhandene Evaluationsansätze zu koordinieren, auf die Umsetzung von konkreten Ergebnissen zu achten sowie die Dokumentation des Schulentwicklungsprozesses und der Evaluationsergebnisse einzufordern. Als individuelles Instrument der Schulleitung kommt insbesondere das Mitarbeitergespräch in Betracht. Deshalb sind sowohl die Rolle und Kompetenz der Schulleiter als Berater wie auch als Vorgesetzte zu stärken.

Gute Schulen gibt es bei guten Schulleitern und dort, wo sich Schulleitung, Lehrerinnen und Lehrer, Schülerinnen und Schüler sowie Eltern in grundlegenden Zielen des Lernens und Arbeitens, bezüglich des Lebensraumes Schule (Gewaltprävention, Maßnahmen gegen Vandalismus, Sauberkeit) und des sozialen Klimas (Umgangsformen, Identifikation mit der Schule) einig sind. Eine Partizipation von Schülerinnen und Schülern sowie von Eltern am Evaluationsprozess ist damit nicht nur denkbar, sondern geradezu wünschenswert. Für diese Mitwirkung kommen folgende Verfahren in Frage:

  • Beratungsgesprächemit Schülerinnen und Schülern sowie mit Erziehungsberechtigten bzw. deren Vertretern;
  • schriftliche Befragungvon Schülerinnen und Schülern sowie von Erziehungsberechtigten zur Einschätzung bestimmter schulischer Strukturen und Abläufe;
  •  Bildung von Arbeitsgruppen (Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler, Erziehungsberechtigte) zur Interpretation der Evaluationsberichte, zur Festlegung der Handlungsfelder sowie zur Planung und Durchführung von Maßnahmen zur Schul- und Unterrichtsentwicklung, die sich aus den o. g. Evaluationen ergeben.

Die rechtliche und die pädagogische Verantwortung des Lehrerkollegiums und der Schulleitung darf dadurch nicht eingeschränkt werden.

Am VGK gibt es ferner eine Steuergruppe, die auf Mandat der Lehrerkonferenz Prozesse zur Schul- und Unterrichtsentwicklung plant, koordiniert, organisiert und strukturiert. Basis für die Mitgliedschaft einer Kollegin / eines Kollegen in dieser Steuergruppe ist einerseits eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit der Schulleitung, andererseits das Interesse an einer „Vogelperspektive“, d. h. einer systemischen Gesamtsicht auf die eigene Schule. Dabei akzeptiert das Kollegium die einzelnen Mitglieder dieser Steuergruppe als Repräsentantinnen bzw. Repräsentanten und gibt ihnen Rückendeckung.

Ein weiteres Gremium, welches (in Absprache mit der Steuergruppe) sowohl Schulentwicklungsarbeit leistet als auch den Stand derselben im Schulprogramm-Skript und auf der Homepage dokumentiert, ist die Schulprogrammgruppe. Mitglieder sind neben der Schulleitung und Vertreterinnen und Vertretern aus dem Kollegium auch Eltern sowie Schülerinnen und Schüler. Die Schulprogrammgruppe deckt ‚Lücken‘ in der Entwicklungsarbeit auf, erarbeitet und diskutiert Ideen zur Weiterarbeit oder widmet sich konkret einzelnen Entwicklungsprojekten.

 

Zusätzliche, professionelle Unterstützung, zum Teil von außen, ist bei Evaluationsprozessen häufig nötig und muss dementsprechend von den jeweiligen Schulaufsichtsbehörden ermöglicht werden:

Im Schuljahr 2011/12 nahm das Vestische Gymnasium vom 04.06. bis zum 06.06.2012 an einer Qualitätsanalyse des Landes NRW teil. Das Team der Bezirksregierung Münster - um seinen Leiter Berthold Mersch - untersuchte sechs Qualitätsbereiche, denen insgesamt 21 verschiedene Qualitätsmerkmale zuzuordnen sind.

Vor dem gesamten Lehrerkollegium und in Anwesenheit der Schuldezernenten Monika Sowa-Erling und Michael Schweers wurde das Ergebnis der Schulinspektion durch Joachim Joosten

am Mittwoch, den 06.06.2012 vorgestellt: In allen Qualitätsbereichen erzielte das Vestische Gymnasium Kirchhellen die besten Bewertungsstufen „gut“ bis „hervorragend". Die Qualitätsprüfer/innen aus Münster bestätigten dem Vestischen Gymnasium Kirchhellen eine ausgezeichnete Bildungs- und Erziehungsarbeit. Sie machten deutlich, dass es selten vorkomme, dass eine Schule ausschließlich mit den besten beiden Bewertungsstufen beurteilt werde. Michael Schweers, Leitender Regierungsschuldirektor, der seither als Schuldezernent für das Vestische Gymnasium zuständig ist, lobte die sehr gute Bildungs- und Erziehungsarbeit der Schule ausdrücklich und bemerkte, dass dies außergewöhnlich gute Voraussetzungen für eine erfolgreiche Zusammenarbeit sind.

Gemeinschaftlich mit Herrn Schweers erarbeiteten die Schulleiter, die Steuergruppe und die Schulprogrammgruppe Zielvereinbarungen, welche eine weitere Optimierung des Unterrichts und des Schullebens gewährleisten sollen. In diesem Zusammenhang steht beispielsweise auch die Planung einer weiteren Fortbildung zu kooperativen Lernformen, die für das Schuljahr 2013/14 vorgesehen ist.  

 

Evaluation

Selbst- und/oder Fremdevaluation ersetzt keineswegs die staatliche Kontrolle.

Evaluation, methodisch genau durchdacht und professionell gehandhabt, ist als Feedback für die Lehrkräfte und die Schule zu verstehen und darf nicht zu einem neuen Kontrollinstrument für die Schulaufsicht werden. Deren Aufsichtsaufgaben bleiben gemäß Art. 7 Abs. 1 GG grundsätzlich bestehen, verändern sich aber inhaltlich in Richtung einer Sicherung professioneller, regelmäßiger Unterrichts- und Schulberatung, wie es das Beispiel unserer Schule zeigt.

Viele Evaluationsansätze weisen die Verursachung von schwächeren Ergebnissen explizit oder implizit den Einzelschulen zu. Das ist eine einseitige und unvollständige Betrachtungsweise, denn die Schulen können sich hinsichtlich ihres Wirkens nur innerhalb des Bereiches bewegen, der ihnen personell und finanziell vorgegeben ist. Denn die Qualität einer Schule wird maßgeblich von ihrer gegebenen materiellen und personellen Ausstattung bestimmt: Eine umfangreiche Ausstattung sowie eine freundliche Gestaltung des Schulgebäudes ermöglichen einen Unterricht nach aktuellen didaktischen und methodischen Konzepten und unterstützen die Nutzung für Unterricht sowie für sinnvolle Pausen- und Freizeitaktivitäten; eine vorbildliche Versorgung mit Lehrkräften, ein gut ausgestatteter „Vertretungspuffer“, ein angemessener Klassenteiler bzw. angemessene Kursgrößen sichern Qualität.

 


[1] Auswertung der Datenerhebungen vom Januar/Februar 2010 bei Lehrkräften sowie Erziehungsberechtigten und Schülerinnen und Schülern der Jgst. 8 und 11 (Schuljahr 2009/10) Ende 2010/Anfang 2011 abgeschlossen

[2] Projekttag zur Klassengemeinschaft in einer Musterklasse (Jgst. 7) und Fortbildung des Lehrerkollegiums bzgl. eines Regelwerks zu Umgangsformen durchgeführt (Stand: November 2010)